Übergewicht: Fett und glücklich passt nicht zusammen

0
(c) tish1, depositphotos.com

Das Dilemma einer adipösen Autorin

Übergewicht: Fett und glücklich passt nicht zusammen. Was für eine provozierende Überschrift. Vor allem dann, wenn sie von einem Autor wie Arik Steen kommen. Von mir! Erst vor Kurzem meinte einer, dass mich viele einzelne Komponenten ausmachen würden. Ich hoffte schon auf ein großes Lob. Aber das blieb aus. Stattdessen meinte derjenige: „Eine Brise Diskriminierung, ein Löffelchen Frauenfeindlichkeit, eine Messerspitze Intoleranz.“Okay, das hatte ich nicht erwartet. Und nun diese Überschrift. Du hoffst jetzt auf eine Schimptirade auf die Dicken? Ich wollte lediglich deine Aufmerksamkeit und wenn du jetzt nicht das „X“ drückst und die Seite schließt, dann habe ich die auch. Hoffentlich bis zum Ende dieses Beitrags. Der mehr ein Erfahrungsbericht ist. Ein durchaus interessanter. Sonst würde ich ihn nicht erzählen.

Die Werbeindustrie ist unfair

Magere Models zieren Plakate und Zeitschriften. Schlank, groß und hübsch. Und man sitzt als mollige Frau davor und denkt sich: „Scheiße. Warum kannst du nicht so sein?“ Man kann sich dagegen gar nicht wehren. Die Werbeindustrie macht uns ständig ein schlechtes Gewissen. Gleiches gilt für Hollywood. So viele Hauptdarsteller in Filmen sind durchtrainierte Männer oder supertolle schlanke Frauen. Das ist nicht fair. Die Werbeindustrie ist nicht fair und Hollywood ist es auch nicht. Vor allem aber ist es moralisch verwerflich. Wir Dicken leiden darunter.

Nein, das sind nicht meine Worte. Sie stammen von einer Kollegin. Einer Autorin die einige Pfunde zu viel auf den Rippen hat. Und auch das sage nicht ich, das kommt ebenfalls aus ihrem Mund. Sie weiß, dass sie zu dick ist. Und sie hasst es, dass ihr immer wieder diese mageren Models vorgesetzt werden. Genauso wie diese toll gebauten Männer, die für sie so unerreichbar sind, dass sie fast schon heulen könnte.

Was soll ich als Mann da erwidern? Ich weiß es nicht. Ihr sagen, dass sie nicht dick ist? Das ich die ganzen Magermodels auch nicht leiden kann? Das ich die Schnauze voll ab von diesen Knackärschen und süßen Brüsten, die uns anlachen? Okay, jetzt werde ich spöttisch. Ich entschuldige mich dafür.  Obwohl. Ich habe als Autor von explizit erotischer Literatur mit einer gewissen psychopathischen Note eh schon einen Ruf weg. Und ist der Ruf mal ruiniert, dann … lassen wir das. Zurück zu unserer adipösen Autorin.

Sie hat mein Interesse …

Ich interessiere mich für sie. Für diese Autorin, deren Namen ich lieber geheim halte. Mein Wissen ist ohnehin beschränkt.  Viel weiß ich nicht. Nur, dass sie Liebesromane schreibt. Nicht wirklich mein Genre, aber das ist egal. Ich möchte wissen, ob sie ihre Probleme in ihre Bücher packt. Nein, nicht ob sie einen Ratgeber für Übergewichtige schreibt, aber ob die Thematik des Übergewichts in irgendeiner Weise in ihren Büchern eine Rolle spielt. Sie verneint. Natürlich nicht, sagt sie. Ihre Bücher sind keine Autobiographien sondern erfundene Geschichten. Sie sollen Spaß machen. Sie sollen weder Problembewältigung sein, noch sollen sie in irgendeiner Weise einen pädagogischen Zweck erfüllen. Ich nehme mir ein Buch, schaue auf das Cover und erblicke eine bildhübsche schlanke Frau. Zusammen mit einem Mann, dessen Bauchmuskeln selbst mich neidisch werden lassen. Ich stutze, zeige darauf und erinnere sie an ihre Worte. Ist Hollywood nicht moralisch bedenklich, weil man vor allem immer schöne Menschen sieht? War es nicht die Werbeindustrie, die uns Magermodels vorsetzen und uns damit ein schlechtes Gewissen machen?

Der Verlag ist Schuld

Nein, das Cover hat sie nicht ausgesucht. Das war der Verlag. Sie gibt mir recht. Das ist genau die gleiche Masche wie die Werbeindustrie und Hollywood sie betreiben. Das ist abstoßend, falsch und moralisch bedenklich. Eine Breitseite gegen jeden, der übergewichtig ist.

Okay, jetzt bin ich baff. Der Widerspruch liegt in der Luft wie eine graue Gewitterwolke. Allerdings hat meine Autorenkollegin längst einen Schirm aufgespannt. Um sich zu schützen. Denn sie ist ja nicht schuld, es sind zwar ihre Bücher, doch der Verlag hat das Cover in Auftrag geben. Da kann man als Autor nichts tun. Ganz ehrlich? Das zieht bei mir nicht. Wenn ich ein Buch geschrieben habe und das Cover würde vollkommen meinen Ansichten widersprechen, dann kommt das nicht auf den Markt. Deshalb bohre ich nach. „Deine Bücher verkaufen sich ganz gut, oder?“ Und sie nickt lächelnd. Ja, solche Liebesromane kommen im Moment gut an. Der Bad Boy, das süße Mauerblümchen. Und die große Liebe. Es muss halt alles passen. Die Idee, die Story, der Klappentext, das Cover, die Werbung … halt, Moment. Was war mit dem Cover? Es hat zum Erfolg mit beigetragen? Sie bejaht. Viele finden das Cover toll. Es sei gelungen. Vor allem Frauen sind hin und weg. Ich kann mir ein Schmunzeln nicht verkneifen: „Auch dicke Frauen?“ Sie ist empört … oder sauer … oder sie hat einfach nur Hunger. Keine Ahnung. Aber sie schaut böse.

Ihre Protagonisten: zum Glück alle Durchschnitt

Ich lese keine Liebesromane. Aber da musste ich jetzt einfach rein lesen. Und es braucht auch nicht lange, bis ich die Informationen finde, nach der ich gesucht habe. Der Protagonist. Ein Bad Boy vor dem Herrn. Muskulöser Typ. Reich Schnösel aus gutem Haus, bisschen ein Touch von einem Rocker. Weil er zwar adelig ist aber rebellisch. Natürlich super gut aussehend. Und dann Lieschen. Das Mauerblümchen. Super hübsch, schlank, perfekte Figur …. Stopp! Ich knalle das Buch zu …

Wollt ihr die lange oder die kurze Version? Die Kurze: Sie hat mich auf Facebook entfreundet. Die Lange: Sie schimpft. Ich wäre intolerant und ohnehin dämlich. Letzteres bin ich nicht. Da bin ich mir sicher. Und intolerant? Was weiß ich. Ich nehme einfach nicht alles hin. Und ich kann vor allem nicht hinnehmen, dass jemand der Werbeindustrie Vorwürfe macht, selbst aber sich genau dem gleichen Muster bedient. Und sie hat auch hierfür eine Ausrede: der Leser ist Schuld. Weil er eben genau das lesen will. Und er genau diese Cover sehen will. Sonst kauft er die Bücher nicht. So ist nun mal die Welt. Friss oder stirb … oh! Wow! Was für ein Wortspiel.

Friss oder stirb …

Schön! Jetzt weiß ich warum meine Bücher niemand liest. Und ich weiß nun auch, dass es ein Unterschied macht ob H&M mit schlanken Frauen wirbt oder eine Autorin die übergewichtig ist. Denn H&M macht es, weil sie damit Geld verdienen und der Konsument das sehen will. Die Autorin macht es weil … ach so. Macht doch kein Unterschied. Mit der Moral ist das halt so eine Sache.

Ich bin um einen Kontakt bei Facebook ärmer. Wieder Mal. Meine Liste wird immer schlanker! Schlanker … grins …

Zum Schluß …

Nicht falsch verstehen. Ich habe absolut kein Problem mit Übergewichtigen. Und zahlreiche Menschen wissen das. Ich wünsche mir nur, dass jeder sich wohl fühlt. Bei manchen Menschen mit zu viel Pfunden ist das leider nicht gegeben. Es gibt Autoren, die gerne meinen Rat annehmen, wenn es darum geht abzunehmen. Und da helfe ich auch gerne. Weil es ein Bereich ist, in dem ich mich auch auskenne. Und die wissen auch, dass ich damit kein Problem habe. Aber, dass ich auch für manchen eine Lösung habe.

Man muss sich wohl fühlen … das ist der wichtigste Faktor

Und nun Schluß. Ich esse jetzt ein Schnitzel und trinke ein Bier. Ja, auch ich bin nicht immer konsequent. Aber wie gesagt: man muss sich wohl fühlen. Sich immer nur zu quälen ist auch keine Lösung.

Comments

comments

Hinterlasse einen Kommentar

Hinterlasse den ersten Kommentar!

Benachrichtige mich zu:
avatar
wpDiscuz